Gegengleich stricken: Anleitungen sicher spiegelverkehrt umsetzen
Diesen Artikel mit Freunden teilen
„Das zweite Vorderteil gegengleich arbeiten“ – dieser kurze Satz kann eine herrlich entspannte Strickstunde plötzlich in Kopfrechnen verwandeln. Dabei steckt dahinter keine geheime Masche, sondern eine klare Idee: Du stellst ein zweites Teil als Spiegelbild des ersten her. Entscheidend ist, welche Angaben ihre Seite wechseln und welche unverändert bleiben. Mit einer kleinen Übersetzungsliste wird aus dem Rätsel ein ruhiger, maschengetreuer Ablauf.
Was bedeutet gegengleich stricken?
Gegengleich heißt, dass Form und Maße eines zweiten Strickteils spiegelverkehrt zum ersten gearbeitet werden. Typische Beispiele sind rechtes und linkes Vorderteil einer Jacke, Ärmel mit asymmetrischer Kugel, Handschuhe, Socken oder seitlich geformte Kragenteile. Eine Abnahme am rechten Rand des ersten Teils erscheint beim Gegenstück am linken Rand.
Nicht alles wird automatisch umgekehrt. Maschenprobe, Gesamthöhe, Garn, Nadelstärke und meist auch das Grundmuster bleiben gleich. Gespiegelt werden vor allem Positionen: Seitennaht, Halsausschnitt, Armloch, Taschen, Knopflöcher, Schrägungen und manchmal die Neigung dekorativer Maschen.
| Angabe im ersten Teil | Gegengleiches Gegenstück | Bleibt gleich? |
|---|---|---|
| am rechten Rand abnehmen | am linken Rand abnehmen | Anzahl und Rhythmus |
| Knopflöcher außen rechts | Knopflöcher außen links | Höhen und Größe |
| nach rechts geneigte Zierabnahme | nach links geneigte Zierabnahme | Maschenverlust |
| Tasche 8 cm von Seitenkante | 8 cm von gespiegelter Seitenkante | Abstand |
| Musterfolge A–B–C | gegebenenfalls C–B–A | Rapport und Höhe |
| nach 24 cm formen | ebenfalls nach 24 cm | Reihen- oder Zentimeterpunkt |

Was muss wirklich gespiegelt werden?
Markiere zuerst Körpermitte und Seitennaht. Diese beiden Orientierungslinien sind verlässlicher als „rechts“ und „links“, denn die Arbeit kann gerade auf Vorder- oder Rückseite liegen. Alles, was im fertigen Kleidungsstück zur Mitte zeigt, wandert beim zweiten Teil wieder zur Mitte; alles an der Außenkante bleibt außen.
Bei glatt rechts oder einem symmetrischen Rippenmuster ändert sich die Maschenfolge oft nicht. Ein asymmetrischer Zopf, eine Blattspitze oder eine Lochmusterkante kann dagegen eine gespiegelte Strickschrift oder eine umgekehrte Maschenfolge verlangen. Prüfe, ob die Anleitung dafür eine zweite Grafik enthält.

Abnahmen und Zunahmen spiegeln
Für identische Maße müssen Zeitpunkt und Anzahl der Formung gleich bleiben. Sichtbare Neigungen dürfen zusätzlich gespiegelt werden: Ein rechts geneigtes Zusammenstricken hat auf der Gegenseite meist ein links geneigtes Gegenstück. Die genaue Technik hängt davon ab, ob die Abnahme betont, unauffällig oder Teil eines Musters ist.
Schreibe jede Formungsreihe als kleine Gleichung auf, zum Beispiel: „Halsausschnitt: 1 × 4, 2 × 2, 3 × 1 Masche in jeder zweiten Reihe“. Beim zweiten Teil bleibt diese Zahlenfolge erhalten; nur die Arbeitskante wechselt. Zähle nach jeder Formungsgruppe die Restmaschen.
- Vorder- und Rückseite der Arbeit festlegen
- Körpermitte und Seitenkante markieren
- alle seitenspezifischen Angaben hervorheben
- rechts und links auf einer Kopie tauschen
- Neigung dekorativer Abnahmen zuordnen
- Reihenhöhe und Restmaschen kontrollieren
- beide Teile regelmäßig übereinanderlegen

Knopfleisten, Taschen und Muster
Bei Jacken sitzen Knöpfe und Knopflöcher auf gegenüberliegenden Blenden. Ihre vertikalen Abstände bleiben gleich, ihre Position wandert jedoch zur anderen Vorderteilkante. Auch Tascheneingriffe, Bindebänder und Schlitze brauchen ein echtes Spiegelbild – nicht bloß dieselbe Anweisung ein zweites Mal.
Bei Farb- und Strukturmustern hilft eine transparente Kopie der Strickschrift, die Du spiegelst. Aber Achtung: Nicht jedes Symbol darf nur optisch gedreht werden. Nach rechts und links geneigte Abnahmen, verkreuzte Maschen und asymmetrische Zöpfe benötigen das jeweilige technische Gegenstück.
Praktische Kontrolle ohne Strickstress
Lege beide Teile mit den rechten Seiten nach oben und den späteren Mittelkanten zueinander. Stimmen Anschlagbreite, Formungshöhen und Randabstände? Maschenmarkierer in identischen Höhen machen den Vergleich besonders leicht. Bei unterschiedlichen Reihenständen misst Du ab Anschlag statt ab der Nadel.
Wasche die Teile vor dem Zusammennähen gemeinsam und in gleicher Weise. Naturfasern können sich entspannen, Pflanzenfasern stärker in die Länge wachsen. Forme beide Stücke nach denselben Maßen, ohne eines passend zu zerren. Kleine Spannungsunterschiede lassen sich ausgleichen, falsche Abnahmepositionen nicht.
Typische Fehler und schnelle Lösungen
Der häufigste Fehler ist, nur die Randseite zu tauschen und dabei eine sichtbare Neigung oder Knopflochposition zu vergessen. Ebenfalls tückisch: „rechte Seite“ kann Kleidungsseite oder rechte Warenfläche bedeuten. Lies den Satz immer im Kontext.
Entdeckst Du die Abweichung früh, ribble nur bis zur letzten Formungsreihe zurück. Bei einem dekorativen Einzelmotiv lässt sich manchmal eine Maschensäule kontrolliert auflösen und neu hochstricken. Stimmen jedoch Ausschnitt oder Armloch nicht, ist sauberes Zurückstricken meist die langlebigere Lösung.
- Orientierung am fertigen Kleidungsstück prüfen
- Zahlenfolge unverändert übernehmen
- nur Position und gegebenenfalls Neigung spiegeln
- Restmaschen nach jeder Formung notieren
- Knopflöcher und Taschen separat markieren
- beide Teile vor dem Nähen waschen und vergleichen
Passende Grundlagen im Shop
unsere Hilfe zum Lesen von Strickanleitungen, unseren Ratgeber zu gerichteten Abnahmen und unsere Anleitung zur gewaschenen Maschenprobe ergänzen das Thema.
Fazit
Gegengleich stricken heißt nicht, jede Masche neu zu erfinden. Maße, Rhythmus und Grundmuster bleiben stabil; Positionen und sichtbare Neigungen wechseln die Seite. Wenn Du Mitte und Außenkante markierst, Formungszahlen notierst und beide Teile regelmäßig vergleichst, wächst das Spiegelpaar entspannt und passgenau zusammen.
© 2026 by POHL-HG