Wie entsteht ein Wollknäuel?
Diesen Artikel mit Freunden teilen
Vom Rohstoff bis zum fertigen Garn
Ein Wollknäuel wirkt auf den ersten Blick ganz selbstverständlich: weich, gleichmäßig gewickelt und bereit zum Stricken oder Häkeln. Doch bevor ein Garn als Knäuel im Wollgeschäft oder Onlineshop landet, hat es bereits zahlreiche Arbeitsschritte durchlaufen.
Je nach Faserart, Garnqualität und Herstellungsverfahren beginnt dieser Weg beim Schaf, Alpaka oder einer Pflanze und führt über Reinigung, Aufbereitung, Spinnen, Verzwirnen, Färben und Wickeln bis zum fertigen Wollknäuel.
In diesem Beitrag zeigen wir Schritt für Schritt, wie aus losen Fasern ein Garn entsteht und warum die Herstellung einen großen Einfluss auf Haptik, Optik und Qualität hat.
Was ist eigentlich ein Wollknäuel?
Als Wollknäuel wird im Alltag meist eine verkaufsfertig aufgewickelte Menge Garn bezeichnet. Dabei muss das Garn nicht zwingend aus reiner Schafwolle bestehen.
Auch Garne aus
- Alpaka,
- Mohair,
- Baumwolle,
- Leinen,
- Viskose,
- Polyamid,
- Polyester
- oder verschiedenen Fasermischungen
werden häufig als „Wolle“ oder Wollknäuel bezeichnet.
Fachlich genauer spricht man deshalb häufig von einem Garnknäuel.
Bevor daraus jedoch ein sauber gewickeltes Knäuel entsteht, muss zunächst aus einzelnen Fasern ein gleichmäßiger Faden hergestellt werden.
Schritt 1: Die Gewinnung der Fasern
Am Anfang eines Garns steht immer die Faser.
Bei tierischen Fasern können diese beispielsweise von
- Schafen,
- Alpakas,
- Ziegen,
- Kaninchen
- oder anderen Tieren
stammen.
Bei Schafwolle beginnt die Herstellung normalerweise mit der Schur. Dabei wird das Wollvlies vom Schaf entfernt.
Pflanzliche Fasern wie Baumwolle, Leinen oder Hanf werden dagegen geerntet und anschließend so aufbereitet, dass die einzelnen Fasern weiterverarbeitet werden können.
Auch industriell hergestellte Fasern wie Polyamid oder Polyester können Bestandteil moderner Garne sein.
Schritt 2: Sortieren der Fasern
Nach der Gewinnung werden die Fasern zunächst sortiert.
Bei Schafwolle unterscheiden sich beispielsweise verschiedene Bereiche eines Vlieses hinsichtlich
- Faserlänge,
- Feinheit,
- Verschmutzungsgrad,
- Kräuselung
- und Qualität.
Sehr feine Fasern eignen sich besonders gut für weiche Bekleidungsstücke, während kräftigere Fasern beispielsweise für robuste Garne verwendet werden können.
Bereits an dieser Stelle wird also beeinflusst, welche Eigenschaften das spätere Garn haben wird.
Schritt 3: Waschen und Reinigen
Rohwolle enthält nicht nur Wollfasern.
Je nach Herkunft befinden sich darin unter anderem
- Wollfett,
- Staub,
- Pflanzenreste,
- Erde
- und andere Verschmutzungen.
Deshalb wird die Wolle gründlich gewaschen.
Das natürliche Wollfett wird als Lanolin bezeichnet. Ein Teil davon kann bei der Reinigung entfernt und separat weiterverwendet werden, beispielsweise in kosmetischen Produkten.
Nach dem Waschen werden die Fasern getrocknet und für die nächsten Verarbeitungsschritte vorbereitet.
Schritt 4: Kardieren – die Fasern werden geordnet
Nach der Reinigung liegen die Fasern noch relativ ungeordnet vor.
Beim Kardieren werden sie mithilfe spezieller Walzen oder Kardiermaschinen aufgelockert, voneinander getrennt und weitgehend in eine gemeinsame Richtung gebracht.
Dabei entsteht ein lockeres Faserband oder Vlies.
Dieser Arbeitsschritt ist besonders wichtig, weil die gleichmäßige Anordnung der Fasern später das Spinnen erleichtert.
Schritt 5: Kämmen – für besonders glatte Garne
Nicht jedes Garn wird zusätzlich gekämmt.
Beim Kämmen werden kurze Fasern und verbliebene Verunreinigungen entfernt. Gleichzeitig werden die längeren Fasern stärker parallel ausgerichtet.
Dadurch entstehen sogenannte Kammgarne.
Sie sind meist
- glatter,
- gleichmäßiger,
- weniger flauschig
- und besonders strapazierfähig.
Werden die Fasern dagegen stärker kardiert und weniger stark parallelisiert, entstehen häufig voluminösere und weichere Streichgarne.
Schritt 6: Spinnen – aus Fasern wird Garn
Nun beginnt einer der wichtigsten Schritte: das Spinnen.
Dabei werden die vorbereiteten Fasern auseinandergezogen und gleichzeitig miteinander verdreht.
Durch diese Drehung erhalten die Fasern Halt und bilden einen zusammenhängenden Faden.
Die Stärke der Drehung beeinflusst die Eigenschaften des Garns erheblich.
Eine stärkere Drehung kann beispielsweise für mehr Stabilität sorgen, während locker gesponnene Garne häufig weicher und voluminöser wirken.
Schritt 7: Mehrere Fäden werden verzwirnt
Viele Garne bestehen nicht nur aus einem einzelnen gesponnenen Faden.
Mehrere Einzelfäden können miteinander verdreht werden. Dieser Vorgang wird als Zwirnen bezeichnet.
So entstehen beispielsweise
- zweifädige,
- vierfädige,
- sechs- oder achtfädige
Garne.
Wichtig: Die Anzahl der verzwirnten Einzelfäden sagt nicht automatisch etwas über die gesamte Garnstärke aus.
Ein Garn aus mehreren sehr feinen Fäden kann dünner sein als ein Garn aus wenigen kräftigen Einzelfäden.
Durch das Verzwirnen können Stabilität, Elastizität und Maschenbild beeinflusst werden.
Schritt 8: Das Garn wird gefärbt
Je nach Herstellungsprozess kann das Garn in unterschiedlichen Produktionsstufen gefärbt werden.
Möglich sind beispielsweise:
Faserfärbung
Die Fasern werden bereits vor dem Spinnen gefärbt.
Dadurch können interessante Farbmischungen und Melange-Effekte entstehen.
Strangfärbung
Das fertig gesponnene Garn wird zu Strängen gewickelt und anschließend gefärbt.
Dieses Verfahren wird unter anderem häufig bei handgefärbten Garnen verwendet, z.B. von Seelenwolle.shop
Knäuelfärbung
In manchen industriellen Prozessen kann auch bereits aufgespultes oder gewickeltes Garn weiterverarbeitet und gefärbt werden.
Die gewählte Färbemethode beeinflusst unter anderem die Farbwirkung des späteren Garns.
Schritt 9: Waschen, Fixieren und Trocknen
Nach dem Färben muss das Garn häufig noch einmal behandelt werden.
Je nach Färbeverfahren wird überschüssige Farbe ausgespült. Anschließend wird das Garn getrocknet.
Teilweise folgen weitere Veredelungsschritte, damit das Garn bestimmte Eigenschaften erhält.
Dazu können beispielsweise Verfahren gehören, die das Garn
- weicher,
- glatter,
- formstabiler
- oder pflegeleichter
machen.
Schritt 10: Kontrolle der Garnqualität
Bevor das Garn verkauft wird, wird es normalerweise kontrolliert.
Je nach Hersteller können dabei beispielsweise folgende Eigenschaften überprüft werden:
- Garnstärke,
- Lauflänge,
- Gleichmäßigkeit,
- Reißfestigkeit,
- Farbe,
- Feuchtigkeit
- und Gewicht.
Bei hochwertigen Garnen ist eine möglichst gleichmäßige Qualität besonders wichtig.
Schritt 11: Vom Garnstrang zum Wollknäuel
Nun nähert sich das Garn seiner bekannten Form.
Das fertige Garn wird mithilfe spezieller Maschinen aufgewickelt.
Dabei können unterschiedliche Formen entstehen.
Klassisches Knäuel
Das Garn wird rund oder oval aufgewickelt.
Garnball
Viele industrielle Garne werden kompakt zu einem Ball gewickelt.
Cake
Bei einem sogenannten Cake wird das Garn flach und zylinderförmig gewickelt. Dadurch kann es häufig von innen und außen abgestrickt werden.
Strang
Handgefärbte Garne werden häufig als gedrehter Strang verkauft.
Vor dem Stricken muss dieser normalerweise mithilfe einer Haspel und eines Wollwicklers zu einem Knäuel oder Cake gewickelt werden.
Schritt 12: Die Banderole kommt auf das Knäuel
Zum Schluss erhält das Garn seine Banderole.
Sie liefert wichtige Informationen über das Produkt.
Typische Angaben sind:
- Materialzusammensetzung,
- Gewicht,
- Lauflänge,
- empfohlene Nadelstärke,
- Pflegehinweise,
- Farbnummer,
- Partienummer,
- Hersteller
- und manchmal eine empfohlene Maschenprobe.
Besonders wichtig ist bei vielen Garnen die Partienummer.
Garn aus unterschiedlichen Färbepartien kann leichte Farbabweichungen aufweisen. Für größere Projekte empfiehlt es sich deshalb, möglichst genügend Knäuel derselben Partie zu kaufen.
Warum sehen Wollknäuel so unterschiedlich aus?
Nicht jedes Garn wird auf die gleiche Weise gewickelt.
Hersteller wählen die Knäuelform unter anderem abhängig von
- Garnstärke,
- Fasermaterial,
- Verpackung,
- Lagerung,
- Präsentation
- und Produktionsanlagen.
Ein sehr flauschiges Garn benötigt beispielsweise oft eine andere Wicklung als ein glattes Baumwollgarn.
Die Form des Knäuels sagt deshalb nur wenig über die eigentliche Qualität des Garns aus.
Warum fühlt sich jedes Garn anders an?
Die spätere Haptik eines Garns wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst.
Dazu gehören unter anderem:
- verwendete Faser,
- Faserdicke,
- Faserlänge,
- Spinnverfahren,
- Drehung des Garns,
- Anzahl der Einzelfäden,
- Färbeverfahren
- und Veredelung.
Deshalb können selbst Garne mit einer ähnlichen Materialzusammensetzung völlig unterschiedlich wirken.
Ein locker gesponnenes Merinogarn kann beispielsweise sehr weich und voluminös sein, während ein stärker verzwirntes Merinogarn deutlich glatter und robuster wirken kann.
Wie lange dauert die Herstellung eines Wollknäuels?
Eine allgemeingültige Antwort gibt es darauf nicht.
Bei industrieller Produktion laufen viele Prozesse automatisiert und in großen Mengen ab. Dennoch besteht die Herstellung aus zahlreichen einzelnen Produktionsschritten.
Bei handgesponnenen oder handgefärbten Garnen kann die Verarbeitung dagegen wesentlich arbeitsintensiver sein.
Besonders das Sortieren, Färben, Spülen, Trocknen und Wickeln kann viel Zeit beanspruchen.
Industriegarne und handgefärbte Garne
Der grundlegende Herstellungsprozess ähnelt sich teilweise, doch es gibt deutliche Unterschiede.
Industrielle Garne werden meist in großen Produktionsmengen hergestellt. Ziel ist eine möglichst gleichmäßige Qualität und hohe Reproduzierbarkeit.
Handgefärbte Garne werden dagegen häufig in kleinen Chargen gefärbt.
Dadurch können individuelle Farbverläufe, Sprenkelungen und Nuancen entstehen. Selbst innerhalb einer Farbpartie können leichte Unterschiede auftreten.
Genau diese kleinen Abweichungen machen für viele Strickerinnen und Stricker den besonderen Charakter handgefärbter Garne aus.
Ist ein Wollknäuel wirklich „Wolle“?
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird fast jedes Strick- oder Häkelgarn als Wolle bezeichnet.
Fachlich ist das allerdings nicht immer korrekt.
Ein Garn aus 100 % Baumwolle enthält beispielsweise überhaupt keine Wollfaser.
Deshalb lohnt sich immer ein Blick auf die Materialangabe der Banderole.
Dort lässt sich erkennen, aus welchen Fasern das Garn tatsächlich besteht.
Fazit: In einem Wollknäuel steckt mehr Arbeit, als man denkt
Vom ersten Rohstoff bis zum fertigen Knäuel durchläuft Garn zahlreiche Arbeitsschritte.
Die Fasern werden gewonnen, gereinigt, sortiert, kardiert, teilweise gekämmt, gesponnen, verzwirnt, gefärbt, getrocknet, kontrolliert und schließlich aufgewickelt.
Jeder einzelne dieser Schritte beeinflusst die Eigenschaften des fertigen Garns.
Wenn wir also das nächste Mal ein Wollknäuel in der Hand halten, sehen wir nicht nur einen Faden zum Stricken oder Häkeln. Dahinter steckt eine lange Verarbeitungskette aus Rohstoffen, Technik, Erfahrung und handwerklichem Wissen.